Vor kurzem war ich Teilnehmer eines Online Workshops und dort kam der Begriff „Magic Circle“ zur Sprache. Bei der Gelegenheit ist mir aufgefallen, dass ich keine deutschsprachige Definition dafür finden konnte, also habe ich beschlossen dem nachzuhelfen. Hier also meine Interpretation des Begriffs „Magic Circle“ oder auf deutsch „magischer Zirkel“.

Rommé Hand

In meiner Familie wurde immer viel Karten gespielt. Eines der Lieblingsspiele war früher einmal Rommé. Mein Vater hatte allerdings die Angewohnheit das Spiel fast ausschließlich mit Rommé Hand zu gewinnen, eine Angewohnheit, die mich als Kind über die Maßen frustrierte und dazu führte, dass ich jahrelang kein Rommé mehr spielen wollte.

Warum aber? Zur Erklärung: beim Rommé werden bestimmte Kartenkonstellationen vor den Spielenden „ausgelegt“. Diese sind zwar erst einmal persönlich, können aber von Mitspielenden genutzt werden um eigene Karten anzulegen.

Das „Hand“ Spiel bedeutet alle Karten auf einmal auszulegen und das Spiel damit sofort zu beenden. Das nimmt den Mitspielenden jegliche Gelegenheit selbst Karten anzulegen.

Der Spielzug ist explizit vorgesehen, also auf keinen Fall illegitim oder gar illegal. Es ist ein sehr geschickter Spielzug, der aber jede Interaktion unterbindet. Für mich war das ein „No-Go“. Für meinen Vater war es hingegen nur konsequent. Er hatte sich innerhalb des Spiels an alle expliziten Regeln gehalten, trotzdem hatte ich das Gefühl es wäre gegen eine implizite Regel verstoßen worden.

Wir hatten auf zwei verschiedenen Ebenen beide recht. Um diese Ebenen besser zu verstehen hilft der Begriff des „Magischen Zirkels“.

JTI Collection Austria jti.com/Austria – Bild-PD-alt

Der spielende Mensch

Woher kommt der Begriff? Einige Spieltheoretiker schreiben den Begriff des „magischen Zirkels“ dem niederländischen Kulturhistoriker Johan Huizinga und seinem Werk „Homo ludens“ („der spielende Mensch“) zu. Darin findet er sich u.a. in folgendem Abschnitt (Hervorhebung von mir):

Alles Spiel bewegt sich und seine Existenz im Spielplatz wird zuvor entweder materiell oder ideell, bewusst oder selbstverständlich markiert. So wie es keinen formellen Unterschied zwischen Spiel und Ritual gibt, so wenig kann formell auch ein „geweihter Ort“ von einem Spielplatz unterschieden werden. Die Arena, der Kartentisch, der magische Zirkel, der Tempel, die Bühne, die Leinwand, der Tennisplatz, der Gerichtshof etc. sind allesamt in Form und Funktion Spielplätze, d.h. sie sind verbotene Orte, isoliert, abgesichert, geheiligt, innerhalb derer besondere Regeln herrschen. Alle sind sie vorübergehende Welten innerhalb der normalen Welt, der Ausführung einer Handlung an sich gewidmet.

Johan Huizinga (1955). Homo Ludens, im Original S.10 (meine freie Übersetzung)

Hier verwendet Huizinga den Magischen Zirkel im eigentlichen Sinne als Ort eines Rituals. Das ist zwar ein Hinweis, aber nicht die Quelle für die aktuelle Interpretation des Begriffs.

Was Huizinga hier beschreibt ist eine Abgrenzung, die aus einem Ort oder einer Situation etwas anderes macht. Das ist das, was er als „Spielplatz“ bezeichnet. Damit ist natürlich erst einmal nicht der Spielplatz gemeint, mit Sandkasten, Rutsche und vor allem kleinen Kindern, sondern wiederum eine übertragene Bedeutung: das, wo (und wann, und wie) gespielt wird.

Grenzen des Spiels

Aber was ist er denn nun, dieser ominöse, magische Kreis? Der Begriff wurde später von Eric Zimmerman, Frank Lantz und Katie Salen popularisiert, die ihn im übertragenen Sinne für die „Grenzen des Spiels“ verwenden und auch „den Zauber“ des Spiels damit umschreiben.

„Im einfachsten Sinne ist der Magische Zirkel eines Spiels die Grenze innerhalb derer ein Spiel stattfindet.“

„Der Begriff Magischer Zirkel ist passend, weil tatsächlich etwas im eigentlichen Sinne Magisches passiert wenn ein Spiel beginnt.“

Salen, KatieZimmerman, Eric (2003). Rules of Play: Game Design Fundamentals (meine Übersetzung)

Diese Grenzen haben verschiedene Aspekte:

  1. Zu den physischen Grenzen eines Spiels gehören z.B. Spielbretter, aber auch Figuren, Karten und Würfel oder auch ein Raum, in dem gespielt wird.
  2. Zu den zeitlichen Grenzen gehört meist eine klare Anfangs- und Endzeit des Spiels. Beim Schach spielt die Uhr in einigen Konstellationen eine wichtige Rolle (Blitzschach, Turnierspiele).
  3. Kulturelle Grenzen beinhalten die geschriebenen Regeln, aber auch den Umgang z.B. mit Regelbrüchen. Dazu gehören auch Fragen wie hart die Regeln ausgelegt werden oder ob in bestimmten Fällen „Gnade vor Recht“ ergeht, Züge zurück genommen werden können oder man sich Hilfe holen darf.
  4. Soziale Grenzen behandeln Fragen wer denn Teil des Spiels ist: darf zB jemand einfach aussteigen oder jemand, der nicht formell mitspielt, Tipps geben? Was gilt als Betrug innerhalb des Spiels?

Zudem gibt es Schnittmengen der verschiedenen Aspekte: Beim Schach gilt z.B. die Berührung (physisch) einer Figur etwas Bestimmtes – aber nur wenn sie von einem der Spielenden (sozial) durchgeführt wurde und natürlich nur während das Spiel aktiv läuft (zeitlich).

Für alle oben beschriebenen Grenzen gibt es auch Gegenbeispiele. Manche Spiele haben z.B. in der Theorie keine physischen Grenzen und können weltweit (oder auch mit der ISS) gespielt werden. Zeitliche Grenzen sind auch von praktischer Bedeutung. Während es für die meisten Spiele klare zeitliche Begrenzungen gibt ist es für Briefspiele (Play by Mail) nicht ungewöhnlich, das eine Partie über Jahre dauert. Es gibt auch Spiele, die bestimmte Regelbrüche explizit erlauben (Illuminati von Steve Jackson beispielsweise unterstützt eine solche Variante und das Kartenspiel Mogelmotte spielt mit dieser Frage).

Michael Hofmann, Kitzingen, CC BY-SA 3.0

Wozu braucht man das?

In bestimmten Kontexten kann der magische Zirkel auf unterschiedliche Dimensionen angelegt werden. So ist im Fußball zwar erst einmal das Spielfeld die offensichtliche Grenze, aber selbst die Spielregeln im Amateurbereich beinhalten schon ganz selbstverständlich das „Aus“ und wenn man dann noch Strafen für Fanaktionen wie Pyroverwendung im Stadion dazu betrachtet, merkt man schnell, dass auch dieser Bereich Teil des magischen Zirkels ist, für den bestimmte Spielregeln gelten. Dasselbe sieht man auch im Theater: die Bühne ist ein magischer Zirkel, aber auch für den Zuschauerraum und den „Backstage“ Bereich gibt es eigene Gesetze und Regeln.

Der Begriff des „magischen Zirkels“ ist sehr hilfreich um zu verstehen, was ein Spiel eigentlich ausmacht: wo beginnt es, wo endet es? Wer ist Teil des Spiels, wer unbeteiligter Zuschauer? Ein Spielbrett ist selten die Grenze eines Spiels, das merkt man sehr schnell an den Reaktionen der Mitspielenden, wenn man einem Teilnehmenden einen Hinweis gibt. Auch ein unterschiedlicher Umgang mit Regelverstößen kann zu sehr unterschiedlichen Spielen führen – auch wenn formell dieselben Regeln gelten.

Im magischen Workshop-Zirkel

Wie funktioniert eine Fishbowl? Ein kurzer Reminder:

“Bei der Fishbowl-Methode diskutiert eine kleine Gruppe von Teilnehmern im Innenkreis (im „Goldfisch-Glas“) das Thema, während die übrigen Teilnehmer in einem Außenkreis die Diskussion beobachten.

Möchte ein Teilnehmer aus dem Außenkreis zur Diskussion beitragen, gibt es verschiedene Formen: […]”

Aus Wikipedia: Fishbowl (Diskussionsmethode)

Was ist mit Menschen, die nicht Teil dieser beiden sind, zB die Moderation oder eine Person, die erst zum Workshop hinzustößt als die Fishbowl schon begonnen hat? Wer die Methode kennt weiß, dass man sich nicht in die Diskussion einmischen “darf”, es sei denn man ist Teil einer der Kreise. 

Das wäre sicher anders für eine Person, die die Methode nicht kennt. Sie würde sich vielleicht wundern, wieso der Außenkreis sich nicht in die Diskussion einbringt oder wenn doch nur auf sehr spezielle Art und Weise, zB durch Gaststuhl oder Abklopfen.

Magische Zirkel gibt es in allen möglichen Bereichen des täglichen und nicht alltäglichen Lebens. Manche Ereignisse haben auch verschiedene Ebenen, die sich durch diesen Begriff betrachten lassen. 

Ein Schachspiel als Beispiel:

  1. Zirkel: Auf dem Spielbrett gelten bestimmte Regeln wie die Figuren bewegt werden dürfen.
  2. Zirkel: Für die Spielenden gelten Regeln, zB wie mit Mitspielenden kommuniziert wird (Ansagen von Schach beispielsweise), ob mit Schachuhr gespielt wird usw.
  3. Zirkel: Von Zuschauern des Spiels wird erwartet, dass sie sich nicht einmischen – nicht durch direkten Eingriff ins Spiel, aber auch nicht indem sie zB Hinweise an eine der Spielenden geben. Es gelten für sie also implizite Regeln, obwohl sie gar nicht Teil des eigentlichen Schachspiels sind.

Ein Fußballspiel in einem Stadion:

  1. Zirkel: Auf dem Platz gelten die Regeln des Sports, so wie sie vereinbart sind.
  2. Zirkel: Direkt um den Platz herum gibt es eine Grauzone, wo das Spiel noch weitergeht (wenn ein Ball ins Aus geht zB oder Spieler*innen ausgewechselt werden), aber andere Regeln gelten.
  3. Zirkel: Auch für die Zuschauer gibt es bestimmte Regeln, obwohl sie nicht Teil des Fußballspiels selbst sind. Einige davon können trotzdem im Reglement des Spiels festgelegt sein (kein Eingriff in das Spiel zB), andere sind durch andere Vereinbarungen festgelegt (Trennung von Fanblöcken zB oder Verbot des Pyro-Abbrennens).
  4. Zirkel: Manchmal gelten sogar außerhalb eines Stadions veränderte Regeln, zB welche Gegenstände mitgebracht werden dürfen, ob Alkohol konsumiert werden darf usw.).

Und noch mal zurück zur Fishbowl:

  1. Zirkel: Der innere Kreis diskutiert zu einem Thema – untereinander, aber normalerweise nicht mit den Teilnehmenden im Außenkreis.
  2. Zirkel: Der Außenkreis beobachtet, diskutiert aber nicht mit.
  3. Zirkel: Die Moderation und andere Menschen außerhalb beider Kreise sind nicht an der Diskussion beteiligt.

Jeder einzelne dieser „Magischen Zirkel“ hat eigene Regeln und Begrenzungen und daraus ergeben sich eigene Standpunkte und Erfahrungen.

Links

Magic Circle (Wikipedia)

Magic Circle (nordiclarp.org)

Jerked around by the Magic Circle (GamaSutra)

Illuminati Spielregeln (englisch); Cheating ist auf S.9 erläutert

Beitragsbild

Von Operarius – File:Stonehenge, Salisbury.JPG, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4493066

One comment on “Der magische Zirkel

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